Stillers Tod – Jupiter

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Statt erneut auf die Jagd nach direktem, rohen Black Metal zu gehen, verlassen wir heute mal wieder etwas die Komfortzone des Otto-Normal-Schwarzmetallers und widmen uns einer Band mit deren zweiten Album ich eigentlich schon gar nicht mehr gerechnet hatte. 2006 in Stuttgart gegründet, lieferte das „Avant-garde“ Black Metal-Projekt Stillers Tod 2009 mit Katharsis sein erste Album ab. Danach folgten noch eine Split und 2013 schließlich eine EP, die mir vor ein paar Jahren wärmstens empfohlen wurde. Da hatte sie allerdings schon einige Jahre auf dem Buckel und um die Band war es verdächtig still geworden. Umso überrascht war ich, als Mitte 2020 dann die Promo zu „Jupiter“ in meinem Postfach landete und fast ungelesen im Papierkorb gelandet wäre.

Schon bei den ersten Tönen von „Angstbeißer“ spürt man, dass man es hier mit Musik zu tun haben wird, die auf das Prädikat „künstlerisch wertvoll“ aus ist, was spätestens dann bestätigt wird, wenn man im Booklet liest, dass das Leitmotiv des Albums aus Mozarts „Requiem“ entliehen ist und sich auch einige andere klassische Komponisten und Dichter im weiteren Verlauf eingeschlichen haben. Dazu noch zwei Bibelzitate, die natürlich auf Hebräisch abgedruckt sind und die Gesamtthematik des Albums, die sich um eine poetisch-philosophische Aufarbeitung des Sonnensystems bemüht. Wer an diesem Punkt noch gespannt mitliest, der dürfte Gefallen an der Scheibe finden, denn musikalisch liefert die Truppe einen fesselnden und sehr eigenständigen Stil, der sich irgendwo an Fjoergyn und Nocte Obducta zu orientieren scheint, aber durch seinen starken Fokus auf Klassik doch ganz eigen klingt. Man merkt sofort, dass das Songwriting hier einen völlig anderen Fokus besitzt, zwischen den druckvollen Metalparts immer wieder orchestrale Segmente Einzug finden und auch die Riffs völlig anders klingen als das was man so kennt. Dazu kommt  ein theatralischer Moment, der sich vor allem im zweiten Song „Erlkönig“ manifestiert und dem Album einen sehr erzählerischen Charakter verleiht. Überall sind Details versteckt, die einem erst beim zweiten oder dritten Durchlauf auffallen, das Songwriting ist konstant weird und faszinierend verworren, dazu die hochgestochene Lyrik, die durch die immer wieder eingestreuten Klargesänge, Chöre und Spoken Words nochmal mehr zur Geltung kommen als beim grimmigen Gekeife, man hat einfach immer das Gefühl, dass man sich vielleicht vor dem Hören doch nochmal an der Uni für Germanistik und Musikwissenschaft anmelden hätte sollen…oder man lässt sich einfach von der anspruchsvollen Musik fesseln und genießt die Reise ins Unbekannte, auf der man einer durchaus interessanten Geschichte der Himmelskörper lauschen kann.

Zugegeben, das neue Album von Stillers Tod ist nicht für jedermann. Das war allerdings noch nie der Anspruch der Band, sonst hätten sie sich einen anderen Bandnamen zulegen müssen. Stattdessen zaubern sie mit „Jupiter“ ein Album, dass gewollt zwischen den Stühlen von Klassik und Black Metal sitzt und beide Aspekte gleichwertig behandelt. Dazu poetische Lyrik und ein „Cover“ von Franz Schuberts „Erlkönig“ mit dem Text von Goethe, wenn schon künstlerisch wertvoll, dann richtig! Sollte jetzt jemand auf die Idee kommen, dass ich das irgendwie negativ konnotieren will, dem sei gesagt, ich finde das Album großartig. Genau diese Einzigartigkeit ist es nämlich, die sich viele Bands entweder nicht trauen oder nicht leisten können, weil sie sonst wertvolle „Kultpunkte“ verliert.

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